Über zwei Jahrhunderte bestand zwischen Isar und Inn eine Grafschaft, deren zentraler Ort Frontenhausen war. Nur wenige Schriftstücke sind aus dieser Zeit bis heute überliefert. Aber einige Urkunden ermöglichen doch einen anschaulichen Blick auf einen interessanten Teil der Frontenhausener Vergangenheit.
Die Anfänge Frontenhausens im späten Frühmittelalter

Wann die erste Siedlung an der Stelle des heutigen Marktes gegründet wurde, ist unbekannt. Lediglich der Name Frontenhausen (Frantenhusen) weist auf einen adeligen Gründer mit dem Namen Franto hin. Vermutlich entstand bereits im 9. Jahrhundert eine kleine Siedlung am Übergang einer alten Salz-Handelsstraße über die Vils. Händler mit Ihren Fuhrwerken zogen durch dichte Urwälder auf dieser Straße von Salzburg über Altötting in die Römerstadt Regensburg. Nach einem Tagesmarsch durch das dicht bewaldete Hügelland bot eine Siedlung am Fluss den Fuhrleuten einen sicheren Ort zur Übernachtung mit der Möglichkeit Wasservorräte aufzufrischen. Dies könnte der Beginn der Siedlung Frontenhausen gewesen sein. Eine Adelsfamilie baute den Ort zu ihrem Herrschaftsstützpunkt aus. Um das Jahr 1100 lebten hier bereits Händler und Handwerker. Rund um den zentralen Ort gab es eine Vielzahl von Ministerialensitze, in denen Ritter und Landadelige des Grafen wohnten. Eine Burg schützte den Handelsweg und in Kriegszeiten auch die Bevölkerung. Ihre archäologischen Überreste liegen noch heute etwas außerhalb von Frontenhausen in einem Wald verborgen. Der Volksmund nennt sie „Römerschanze“. Die große zweigliedrige Burganlage bestand aus einer großen Vorburg und einer davon getrennten dreieckigen Kernanlage mit der Hauptburg. Der mit Erdhügel und Palisaden gesicherte Bereich war etwa 150 m lang und 100 m breit (Ludwig Kreiner, „Römerschanze bei Haag“ in Jahrbuch Frontenhausen 1995). Die Entstehungszeit dieser Anlage ist nicht erforscht. Es gibt Vermutungen, dass es sich um eine Fliehburg handeln könnte, welche während der Ungarnkriege im 10. Jahrhundert errichtet wurde.

Frontenhausen im Hochmittelalter
Zu Beginn des Hochmittelalters war Bayern in Gaue eingeteilt. Dies waren Verwaltungs- und Gerichtseinheiten, die ein Gaugraf, ein Beamter des Königs, führte. Frontenhausen lag an der Grenze zwischen dem Isengau und dem Viebachgau. Die Adelsfamilien, aus denen die Gaugrafen dieser beiden Gaue stammten, waren auch im Besitz von Frontenhausen. Eine genaue Genealogie dieser Familie aufzustellen ist nicht möglich, da die überlieferten Urkunden immer nur sehr begrenzte Familienzusammenhänge nennen. Aber alle niederbayerischen Adelsfamilien waren im 11. Jahrhundert vielfach miteinander verwandt und verschwägert. Die Historiker nannten seit Jahrhunderten die Familie der Gaugrafen des Viehbachgaus das Haus Frontenhausen. Heute werden sie nach dem österreichischen Grafengeschlecht der Eppensteiner, das von den Viehbacher Gaugrafen abstammte, als Viehbach-Eppensteiner bezeichnet. Die Gaugrafen des Isengaus stammten aus dem Adelsgeschlecht der Grafen von Megling bzw. Mögling und sollen ebenfalls aus dem Haus der Grafen von Frontenhausen abstammen.



Das überlieferte Wappen der Grafen von Frontenhausen - Megling ähnelt dem Wappen der Eppensteiner, das der Ursprung dr heutigen Fahne Österreichs gewesen sein soll.

Das Wappen der Grafen von Frontenhausen ist Teil des heutigen Wappens des Landkreises Dingolfing-Landau.
Kloster Baumburg und Frontenhausen
Die erste Überlieferung, in der Frontenhausen in Zusammenhang mit einem Grafen genannt wird, stammt aus dem Kloster Baumburg an der Alz. Ein Chorherr des Klosters erstellte etwa um das Jahre 1150 einen Bericht über die Gründung seines Klosters. Er erzählte, dass die Gründerin, Gräfin Adelheid (* vor 1078, + 1104/05), aus Frontenhausen stammen würde und zeichnete ihren bewegten Lebensweg nach. Weiterhin nannte er ihren Vater Graf Cuno (Konrad), der von erhabener Abstammung und allen edlen seiner Provinz an Macht und Reichtum überlegen gewesen sei. Die Familie des Grafen hatte, wie er weiterschrieb, ihren Wohnsitz in „Frantenhusen“. Adelheids Lebensdaten lassen den Rückschuss zu, dass Graf Cuno in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts lebte.

Grabstein der Gräfin Adelheid in der Klosterkirche Baumburg
Interessant ist die Lebensgeschichte der Adelheid von Frontenhausen. Sie wird als wunderschön und sehr reich beschrieben und war dreimal verheiratet. Ihr erster Ehemann, Marquard von Marquardstein, ein Gefolgsmann ihres Vaters, entführte und heiratete sie. Ihr Vater, der diese Ehe als nicht ebenbürtig betrachtete, enterbte daraufhin seine Tochter. Marquard wurde im Jahre 1085 wenige Wochen nach der Heirat ermordet. Adelheid heiratete einige Jahre später den Burggrafen Ulrich von Passau, der „der Vielreiche“ genannt wurde. Auch er starb nach kurzer Ehe im Jahre 1099. Schließlich heiratete sie Graf Berengar II (+1125) von Sulzbach, den Sohn eines reichen und mächtigen bayerischen Adelsgeschlechts. Auf Ihrem Totenbett musste ihr Ehemann ihr vor 12 adeligen Zeugen schwören, dass er mit ihrem Vermögen das Kloster Baumburg gründen würde. 12 Jahre nach ihrem Tod konnte sie in der neuen Klosterkirche begraben werden. Adelheids Tochter Uta, die aus der zweiten Ehe stammte, heiratete Engelberg II, der aus dem großen bayerischen Adelsgeschlecht der Spannheimer stammte.
Das Regensburger Schottenkloster und die Grafen von Frontenhausen
Die Namen von zwei weiteren Adeligen, die sich Grafen von Frontenhausen nannten, sind in Dokumenten der Regensburger Klöster Weih Sankt Peter und Sankt Jakob aufgeführt. Sie spendeten Güter, um die Errichtung der Schottenklöster in Regensburg zu ermöglichen. Die Mönche trugen sie als Dank dafür in den Nekrolog der Klöster ein und gedachten ihrer jährlich an deren Todestag. Als Gönner des 1086 errichteten Klosters Weih Sankt Peter werden Graf Heinrich von Frontenhausen (+ ca. 1090) und Gräfin Berta genannt. Im Nekrolog des Klosters St. Jakob ist etwas später Graf Friedrich von Frontenhausen (+28. Mai 1117) aufgeführt. Er schenkte dem Kloster zwei Güter in der Nähe von Landau a.d. Isar. Die Pfarrkirche Frontenhausen trägt bis heute das Patrozinium Sankt Jakobus. Dies könnte auf eine Verbindung zum Schottenkloster St. Jakob hinwiesen.
Graf Heinrich von Frontenhausen
Aus der Mitte des 12. Jahrhunderts existieren eine Reihe von Urkunden, die Einzelheiten über das Leben und die Abstammung eines weiteren Grafen von Frontenhausen belegen. Sein Name war auch Heinrich, auch er nannte sich Graf von Frontenhausen. Sein Vater, der ebenfalls den Namen Heinrich (+1142) trug, war Graf von Lechsgemünd und Gründer des Klosters Kaisheim bei Donauwörth. Heinrich von Frontenhausen (+1207) stammte väterlicherseits von Irmgard (+1101), der reichen Erbtochter des mächtigen Gaugrafen Cuno von Rott (+1086) und Stifterin des Klosters Berchtesgaden, ab. Sie war seine Großmutter, die mehrmals verheiratet war, zuletzt mit Graf Gebhard von Sulzbach, dem Vater von Adelheids dritten Ehemann. Die Namen ihre früheren Ehemänner, auch der von Heinrichs Großvater, sind in keiner Urkunde überliefert.
Dies führte bei Historikern vergangener Jahrhunderte zu vielen Spekulationen, als sie versuchten die Abstammung des bedeutenden Frontenhausener Grafengeschlechts zu belegen. Seit dem 16. Jahrhundert berichteten die Mehrzahl der bayerischen Geschichtsschreiber, die Gaugrafen des Isen- und Viehbachgaues würden aus dem Adelsgeschlecht Frontenhausen-Megling stammen. Sie gingen davon aus, dass Heinrich von Lechsgemünd ein Spross des Hauses Frontenhausen gewesen sei und eine Erbtochter der Grafen von Lechsgemünd geheiratet hätte.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts trat eine Gruppe von Historikern auf, die glaubte, dass Heinrich von Lechsgemünd ein männlicher Nachkomme der Grafen des fränkischen Sualagaus gewesen sei und deshalb die Grafen von Frontenhausen vom Ursprung Lechsgemünder wären.
Um zu belegen, welche Meinung nun zutreffend ist, müsste man die Abstammung des unbekannten Ehemanns der Irmgard von Rott, also des Großvaters Heinrichs von Frontenhausen kennen. Da Belege, die es vielleicht einmal gegeben hat, heute nicht mehr existieren, wird dieser Streit wohl nicht mehr geklärt werden können. Die heutige Geschichtsschreibung nennt deshalb Heinrich von Frontenhausen nun Heinrich III von Lechsgemünd-Frontenhausen.
Verheiratet war Heinrich von Frontenhausen mit Adelheid von Plain, einer Tochter aus dem hochadeligen Hause der Grafen von Plain. Sie war die Enkelin des Markgrafen Leopold III von Österreich und dessen Gattin Uta, einer Tochter Kaiser Heirichs IV.
Heinrich von Frontenhausen war häufig in kriegerischen Auseinandersetzungen verstrickt. Im Zusammen mit seinem Schwager dem Grafen von Plain soll er im Auftrag des Kaisers, der im Streit mit dem Erzbischof von Salzburg lag, die Stadt Salzburg angegriffen haben. Bei der Auseinandersetzung ging bei einem nächtlichen Überfall der Salzburger Dom in Flammen auf.
Viele Urkunden belegen, dass Heinrich von Frontenhausen mit umfangreichen Grafschaftsrechten belehnt war. So nannte er sich seit ca. 1150 Graf von Frontenhausen. Ab dem Jahre 1175 erscheint Heinrich in Urkunden auch als Graf vom Pinzgau und Mittersill. 1195 trat er zusätzlich die Nachfolge des Grafen Gebhard III von Sulzbach in der Grafschaft Rettenberg im unteren Inntal an. 1180 errichtete Heinrich eine wehrhafte Burg an der nördlichen Grenze seiner Grafschaft in Teisbach. Dorthin verlagerte sich dann auch das administrative Zentrum der Grafschaft Frontenhausen.
Die Grafschaft Frontenhausen

Im 11./12. Jahrhundert wurden die ursprünglich vom König auf Zeit vergebenen Grafentitel erblich. Dies führte dazu, dass die Grafschaftsrechte der alten großen Gaugrafschaften in den Adelsfamilien weitergegeben und dabei auch geteilt wurden. Aus Teilen des Isen- und des Viehbachgaues entstand so die Grafschaft Frontenhausen. Sie reichte von der Isar mit den späteren Märkten Ergoldsbach, Teisbach und Pilsting bis an den Inn zwischen Mühldorf und Wasserburg. Der Graf hatte die Aufgabe in der Grafschaft für Recht und Ordnung zu sorgen und die Sicherheit der Handelswege zu gewährleisten.
Das ende der Grafschaft Frontenhausen
Alles schien gut geordnet. Zwei Söhne von Heinrich und Adelheid sicherten die Familiennachfolge. Doch dann verstarb Otto, der Heinrichs Nachfolger in den Grafschaften werden sollte, bereits in jungen Jahren. Sein Bruder Konrad (*um 1170 +1226) war nun der einzige verbliebende Erbe. Dieser hatte sich aber für die geistliche Laufbahn entschieden, hatte bereits die Priesterweihe erhalten und war Dompropst von Freising. 1204 wurde er als Konrad IV zum Bischof von Regensburg gewählt. Konrad war durch seine Mutter blutsverwandt mit dem Staufer König Phillipp von Schwaben, der ihn 1205 zu seinem Kanzler ernannte. In dieser Position nahm er an der Krönung des Königs bei, begleitete ihn häufig auf seinen Rundreisen und erledigte viele wichtige diplomatische Aufträge.
Seine hohe Stellung zeigte sich auch, als Papst Innozenz III. im Frühjahr 1213 zu einem weiteren Kreuzzug aufrief. Er betraute dabei nicht nur eine Person mit der Verbreitung seines Aufrufs, sondern eine große Anzahl ausgewählter Kreuzzugsprediger in den einzelnen Kirchenprovinzen, die sich ihrerseits um die Organisation des Kreuzzugsunternehmen kümmern und weitere Helfer heranziehen sollten. Für die Kirchenprovinz Salzburg hatte Bischof Konrad diese Funktion inne.
Durch die geistliche Karriere war es aber auch sicher, dass Konrad der letzte Graf von Frontenhausen sein würde. Ohne weitere Erben musste Konrad die Nachfolge für das große Familienvermögen regeln. Die Eigengüter in den Grafschaften Pinzgau und Mittersill verkaufte er für 7000 Pfund Pfennige, einer damals riesigen Summe, an den Erzbischof von Salzburg. Mit diesem hohen Erlös stiftete er das Katharinenspital in Regensburg. Die dankbaren Bürger Regensburgs ehrten den Stifter mit einer lebensgroßen Statue, die bis 1809 am Eingang des Spitals stand.
Bischof Konrad verstarb am 8. April 1226. In seinem Testament vermachte er die Eigengüter in der Grafschaft mit den Hofmarken Frontenhausen, Teisbach, Pilsting und Ergoldsbach an das Hochstift Regensburg.
Frontenhausen unter der Hochstiftsherrschaft
160 Jahre lang stand Frontenhausen unter der Herrschaft des Bischofs von Regensburg. Die Bayerischen Herzöge wollten sich damit nicht abfinden. Ihr Ziel war es, ihre Machtbasis zu vergrößern, indem sie Grafschaften, die keine Erben besaßen, ihrem Herrschaftsbereich einverleibten. Im Laufe dieser Auseinandersetzungen der Auseinandersetzung fielen die herzoglichen Soldaten in die bischöflichen Gebiete ein und zerstörte 1251 die Burg Teisbach. Schließlich verkaufte Bischof Johann von Regensburg am 26. April 1386 die Herrschaft Teisbach an die gemeinsam regierenden bayerischen Herzöge Stephan, Friedrich und Johann. Seither ist Frontenhausen, das in der Verkaufsurkunde bereits als Markt bezeichnet wurde, herzoglich-bayerisch. Im September 1386 bestätigte der Herzog dem Markt seine gewohnten Rechte sowie vier Markttage. Schon 1385 wird der Ort in einer Tradition an das Kloster Aldersbach als „Markt“ bezeichnet.











